Sharon
Sie hatte Katan noch nie so betroffen erlebt. Zwar sagte er nicht viel, aber so wie er sie angesehen hatte, war es doch offensichtlich, dass sie ihn verletzt hatte. Diese Seite kannte sie gar nicht von ihm, was ihr schlechtes Gewissen nicht milderte. Mittlerweile hatten ihre Haare auch so stark zu glühen begonnen, dass sie damit fast die ganze Baumkrone in ihrem blau ausleuchtete. Es schien als hätten die ganzen Gefühle, die sie über den Tag hin aufgestaut hatte, nur darauf gewartet, einen Schwachpunkt in der Fassade zu finden und auszubrechen. Das erklärte zumindest, warum sie nun so stark reagierte. Sie hatte ihre ganze Familiendynamik ins Chaos gestürzt und nun hatte sie auch noch Katans Gefühle verletzt, obwohl seine Gefühle ansonsten immer so unantastbar wirkten.
Seine Hand an ihrer Wange verriet ihr zumindest, dass er nicht wütend auf sie war und auch sein schiefes Lächeln sprach dagegen. Das was er kurz darauf sagte, ließ sie sogar kurz einen amüsierten Laut ausstoßen. Es hatte ihn noch nie jemand verletzt? So wirklich konnte sie das gar nicht glauben. Er musste doch irgendwann mal jemanden gehabt haben, der ihm so wichtig war, dass die Person auch die Macht hatte, ihn zu verletzen. Sie hatte aber keine Zeit darauf zu antworten, denn da zog er sie auch schon einfach fest in seine Arme und vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge.
Die Vampirin kam gar nicht umhin, als auch ihre Arme um seinen Körper zu legen und sich erleichtert gegen ihn fallen zu lassen. Sein trösten und seine nächsten Worte ließen die Tränen nur noch stärker fließen. Nicht weil sie traurig über das war, was er sagte, sondern eher, weil sie erleichtert über das war, was er sagte. Sie konnte gar nicht wirklich antworten, presste sich hingegen nur noch enger an ihn. Tief im Inneren ärgerte sich jedoch etwas darüber, dass sie ihre Gefühle nicht so gut im Griff hatte, wie sie es sich gewünscht hätte. Warum war sie jetzt die, die weinte, wenn sie doch Katan verletzt hatte? Zu nah ließ sie diese Verärgerung jedoch nicht an sich heran kommen, denn das wohlige Gefühl, Katan in ihrer Nähe zu haben, war viel größer. Auch seinen letzten Worten hörte sie zu, antwortete aber nicht direkt darauf, sondern verharrte für einen Moment einfach nur in seinen Armen, bis sie sich langsam wieder beruhigte und auch ihre Haarsträhnen wieder das sachte, nicht zu aufdringliche Glühen annahmen. Ihr Körper entspannte sich allmählich und machte Platz für die tiefe Müdigkeit und Erschöpfung.
Sie löste sich ein paar Zentimeter von ihrem Freund, um sich die letzten Tränen aus dem Gesicht zu wischen und ihm endlich antworten zu können.
„Es überrascht mich. Dafür dass du der Seelen-Typ bist und sogar Gefühle schmecken kannst, weißt du ganz schön wenig über sie.“ gab sie witzelnd von sich, um die Situation wieder etwas aufzulockern und ihm zu zeigen, dass es ihr wieder besser ging. „Aber zeitgleich weißt du ja trotzdem immer das Richtige zu sagen.“ Daraufhin schmiegte sie ihre Wange wieder an sein Schlüsselbein. „Ich glaube, es gibt keine Liebe ohne Schmerz. Sie macht einen sehr verletzlich. Man kann es wohl nicht ganz verhindern. Aber ich finde, sie ist es trotzdem wert. Ich bin sehr froh dich lieben zu dürfen, auch wenn es mir Leid tut, dass ich diese Gefühle jetzt wohl auch bei dir geweckt habe.“ murmelte sie mit geschlossenen Augen und weiterhin ihre Arme um ihren Freund geschlungen.
__________________
Sadness just wants to show how beautiful happiness is. [SIGPIC][/SIGPIC]
|